Aktuelles aus der Medizin

Hier finden Sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen.
 
Frauenmedizin: "Pille" und Brustkrebs
 
Als vor mehr als zehn Jahren die Daten der großen „Frauen-Gesundheitsstudie“ (WHI- Studie) aus den USA publiziert wurden, änderte sich das Verständnis der Hormontherapie in den Wechseljahren grundsätzlich. Während Jahrzehnte zuvor die Wechseljahrsbeschwerden der Frau sehr früh und in allen Lebensphasen mit Östrogen-Progesteron Therapien behandelt wurden, ergab die WHI-Studie ein völlig anderes Bild:
Es entstand der Eindruck, dass die Hormontherapie im Zusammenhang steht mit der Entstehung von Herz-Kreislauferkrankungen und vor allem aber auch mit der Entstehung des Brustkrebs. Eine neue Auswertung der WHI-Studie zeigt nun, dass sich die Hormonverordnungen in der Altersklasse von 50 bis 69 Jahren bei den Frauen grundlegend verändert hat: wurden noch im Jahr 2001 12,7% der an der Studie beteiligten Frauen Hormone verordnet, so lag die Zahl im Jahre 2004 nur noch bei 4,9%. Die Häufigkeit der Mammakarzinome ging in diesem Zeitraum von 296,3 auf 268 zurück bezogen auf einhunderttausend Frauen. Schaut man sich die Daten genauer an, ist trotz des Rückgangs der Hormonverordnungen ein deutlicher Anstieg der Brustkrebsrate in der Altersgruppe von 50 bis 69 Jahren festzustellen. Jetzt ist klar, dass die Hormontherapie selbst keine Mammakarzinome verursacht, sondern das Wachstum von Östrogen abhängigen Brusttumoren beschleunigt.

Was bedeutet dies für die tägliche Praxis? 

Die Wechseljahrsbeschwerden werden in der Regel durch Östrogenmangel verursacht. Je schneller die Östrogenproduktion versiegt, desto stärker treten Beschwerden auf wie Hitzewallungen, Schwitzen, innere Unruhe und depressive Verstimmungen. Die Hitzewallungen schädigen nicht, sondern gehören zum Älterwerden der Frau dazu. Im Gegenteil: sie sind Ausdruck für eine gute Gesundheit, wie neuere Studien zeigen: je stärker die Hitzewallungen sind, desto geringer ist das Risiko -teilweise bis zu 50 %-, an Brustkrebs zu erkranken (Biomarker, epidemiology and prevention 2011).
Eines muss immer klar gesagt werden: die Menopause bzw. die Wechseljahre sind ein natürliches Ereignis im Leben einer Frau und bedeuten kein erhöhtes Risiko für Herz- Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus oder andere Erkrankungen.
Eine auf den individuellen Bedarf der Frau angepasste Östrogengabe kann die Beschwerden verringern oder gar beseitigen. Durch die Gabe von Östrogen Gel oder Pflaster kann man eine bedarfsorientierte Östrogentherapie durchführen. Wichtig ist, dass man den Gebrauch von Östrogen-/ Progesterontabletten eher meiden sollte. Der Hintergrund liegt darin, dass Tabletten über die Leber verstoffwechselt  werden und dadurch Abbauprodukte aus diesen Östrogenen entstehen, die unter Umständen für Karzinomentstehung verantwortlich sind. Dies wird bei der Anwendung von Gels oder Pflastern vermieden. Dennoch ist manchmal bei Frauen eine „Pillentherapie“ erforderlich. Diese sollte nur über einen gewissen Zeitraum eingenommen werden und vom Frauenarzt sollten regelmäßig die Brust bzw. die Eierstöcke und die Gebärmutter untersucht werden.

Gibt es eine Alternative zu diesen „Hormontherapien“?

Untersuchungen haben ergeben, dass die Fitness und das Körpergewicht der Frau die entscheidenden Faktoren sind, wie Frauen durch die Wechseljahre kommen. Studien belegen eindeutig, dass regelmäßiges Ausdauertraining die Wechseljahrsbeschwerden deutlich verringert. Eine Gewichtszunahme in den Wechseljahren ist immer vorhanden: circa sieben Prozent ihres Ausgangsgewicht nehmen die Frauen zu. Häufig beobachten sie eine leichte Zunahme der Taille. Der Östrogenmangel führt dazu, dass das Hüftfett zunimmt. Diese Fettumverteilung verändert auch den Stoffwechsel. Je stärker das Bauchfett (Taille zunimmt), desto schlechter werden Zucker- und Fett/Cholesterinstoffwechsel.
Zahlreiche Untersuchungen über die Wirksamkeit von homöopathischen Mitteln oder Phytotherapeutika, die „natürliche“ Östrogene enthalten, haben bisher keine klaren Ergebnisse gebracht. In der ärztlichen Praxis werden diese aus Erfahrung immer gerne angewendet. Sollten die Beschwerden sich allerdings nicht vermindertnlassen, sollte eine andere Therapie erwogen werden
 

Genomics – Proteomic – Metabolomics: „EVA“ und dann „ADAM“ – wider das vorzeitige „Altern“
 
Krankheiten entwickeln sich langsam: erst ändern Zellen ihre Programme (Gene), Signale werden zu Herstellung neuer Stoffe gebildet (Eiweiße = Proteine), die dann wie in einer Kettenreaktion andere Programme in anderen Zellen starten: ständig laufen diese Programme, an deren Ende „Gesundheit“ oder „Krankheit“ stehen.
Herzkreislauferkrankungen sind die Folge von Störungen im Cholesterin-, Fett und Zuckerstoffwechsel. In der Regel vergehen Jahrzehnte – so meinte man noch bis vor 10 Jahren – bis sie Beschwerden verursachen, d.h. Organsysteme in ihrer Funktion beeinträchtigen (z.B. Herzinfarkt, Hirnschlag). Im Gegensatz zu Laborwerten, wie Cholesterin, Fette oder Entzündungsmarker, die nur eine Momentaufnahme über die Gesundheit eines Menschen widerspiegeln, bilden neue Analyseverfahren, wie Ultraschall der Gefäße mit Wanddickenmessung, Pulswellenanalyse und die Messung der Elastizität der Gefäße eine detaillierte Aussage über das „Altern“ des Menschen. Prof. Peter Nilsson, Universität Lund, definierte 2009 (Hypertension 2009,54:3) die Wertigkeit dieser Diagnoseverfahrens zur Erfassung des frühzeitigen Gefäßalterns ( „Early Vascular Aging“,  „EVA“-Syndrom). Mit Hilfe dieser Verfahren wird erstmals die Dynamik, d.h. die Geschwindigkeit, erfasst, mit der sich der Zustand der Gefäße verschlechtert (Atherosklerose) oder aber auch verbessert. Letzterer Prozess wird durch die Beeinflussung der Risikomarker der Atherosklerose in Gang gesetzt. Nielsson beschreibt dieses Vorgehen als „ADAM“: „Aggressive Decrease of Atherosclerosis Modifiers“.

Seit 8 Jahren werden diese Verfahren in Studien im Institut für Stoffwechselforschung - Frankfurt wie auch im Stoffwechselzentrum Rhein-Main eingesetzt. Neben der Universität Mainz, Klinik für Kardiologie und Angiologie, ist das Stoffwechselzentrum  Rhein-Main die einzige Einrichtung im süd-westdeutschen Raum, die diese Analyseverfahren einsetzt. In Verbindung mit neuen Stoffwechselmarkern wird ein individuelles Risikoprofil erstellt, das vor allem den Schweregrad der Erkrankung beurteilen lässt (Metabolomics): ein „Alterszucker“ ist nicht gleich „Alterszucker“ –  je nachdem, wie die Gefäße ausschauen, wie elastisch diese sind, desto unterschiedlicher ist der Schweregrad.

Zusammen mit Prof. Nielsson, Prof. Konrad und anderen europäischen Stoffwechsel- und Gefäßmedizinern wurde ein europäisches Gremium im Mai 2011 in Genf ins Leben gerufen, das diese Diagnostik auf internationaler Ebene voranbringen soll. Hintergrund: in der Regel reichen in der Frühphase des „EVA“-Syndroms Veränderungen im Lebensstil aus, um das rasche Altern der Gefäße zu verlangsamen. Im November 2011 wurde anlässlich der „Züricher Konferenz“ ein Konsensus-Papier zusammengestellt, das weltweit in medizinischen Fachzeitschriften als Empfehlung für Ärzte zur frühzeitigen Diagnostik von Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen abgedruckt werden soll.